Art

Kunst mir das bitte erklären?

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Zu Besuch bei der 57. Biennale in Venedig

 

Jede Pore oder besser: Jede Gasse strömt über vor Kunst. Biennale-Zeit in Venedig ist auch die Zeit, in der sich hinter jeder kleinen Ecke irgendeine Skulptur, Installation oder Kunstzeugs versteckt. Kunstzeugs halt, so wie man sich die stereotypen Bilder von Kunstzeugs vor seinem imaginären Auge vorstellt. Neben dem ganz normalen Touristen-Wahnsinn in Venedig, wird der Stadt am Canal Grande alle zwei Jahre - von hipster Kunstgeschichtestudentinnen, ihren, mit den teuren Leica Kameras bewaffneten Professoren und dem Rest der globalen Kunst und Kultur Communitiy - ein Besuch abgestattet. Hie und da wird der „Art-Pulg“ mit den Reichen und Schönen garniert. Also die richtig, richtig, richtig Reichen. Nicht die Möchtegern Reichen, die nach Venedig kommen, um eine Louis Vuitton Tasche um 20.000€ zu kaufen. Nein, ich meine jene Reichen Reichen Reichen, welche nicht Kunst „schauen“ kommen, sondern Kunst kaufen kommen und dann gleich die halbe Einrichtung des japanischen Pavillons aufkaufen und mit dem Erworbenen ihr Badinterior zuhause mit Art aufpimpen.

Am Markusplatz wünscht man sich zum ersten Mal im Leben eine Sardine zu sein: Die dürfen wenigstens nebeneinander liegen und müssen nicht kreuz über im Chaos das Weite suchen…

An meinem Wochenende war das zum Beispiel die Familie Jobs. Ja genau, die Famile von Steve Jobs, die gleich mit einem Riesendampfer angereist ist, so dass der halbe Markusplatz plötzlich im Schatten war. Aber gut: Dort hat man Schatten bitter nötig. Ich wollte ihn auf jeden Fall umgehen. Keine Chance. Egal, wo man hin will, alle Schilder führen zur Rialtobrücke oder zum Markusplatz. Apropos Rialtobrücke: Wie überall, wo es was Tolles zum Fotografieren gibt: Man kehrt dem Schönem den Rücken zu … für ein Selfie. Leider verpasst man durch diese selbstbezogene 180˚ Grad Wende den Augenblick des Blicks. Am Markusplatz wünscht man sich zum ersten Mal im Leben eine Sardine zu sein: Die dürfen wenigstens nebeneinander liegen und müssen nicht kreuz über im Chaos das Weite suchen… Aber so schlimm ist es nicht. Je weiter man sich vom Epizentrum des Disneylands für Erwachsene entfernt, desto dünner wird die Luft und man bekommt wieder Platz zum Atmen. Und siehe da, nach drei Brücken, Richtung Arsenale lichtet sich das Feld erstaunlich schnell. Doch nicht so viele Kunstbegeisterte in Vendig?

 

Ich starte zuerst mit den Pavillons und versuche meiner Strategie, die ich mir im Nachtbus in der Nacht zuvor ausgecheckt habe, zu folgen: 48 Stunden. 1. Tag: Alle Pavillons 2. Tag: Arsenale. Zwischendurch: Literweise Espressi und Zigaretten, damit ich aufnahmefähig bleibe für das Zwischenprogramm, welches aus den restlichen Veranstaltungen und Museen zur Biennale bestand. Kunst Overkill? Kunst mich mal, dachte ich mir und nahm mir vor, alles gut und gründlich zu lesen, zu vestehen und überhaupt die gesamte Kunst zu absorbieren. Was mit dem Programmtext zum Thema „Viva Arte Viva“ der heurigen Biennale noch funktonierte, nach drei, vier Pavillions klappte es nur mehr punktuell. Ich bemerkte, dass viel viel viel Kunst, sehr sehr sehr müde machen kann.

Wobei das Schwarz ab und zu in ein Rot getaucht wird, das von der Sonne gemacht wird, deren Strahlen sich durch die dichten Äste der Bäume winden.

Kämpfen lautet die Devise: Noch mehr Cafés, noch mehr Zigaretten. Der Pavillion von Russland muss noch gehen. Und der von Norwegen, Schweiz, Braslien, Südkorea auch. Nope! Geht nicht. Geht gar nicht. So überhaupt nicht. Sondern man macht es der Mehrheit im Park gleich, legt sich ins Gras und schläft eine Stunde. Dolce far Niente im künstlerischen Sinne. Man lässt das Gesehene vor dem geistigen Auge Revue passieren … was könnte die Künslterin mit der Installation gemeint haben? Stimmt nicht. Nichts von alldem: Man schläft einfach und ist maßlos von der Reizüberflutung überfordert und dankbar für das Schwarz der geschlossenen Lider. Wobei das Schwarz ab und zu in ein Rot getaucht wird, das von der Sonne gemacht wird, deren Strahlen sich durch die dichten Äste der Bäume winden.

Weiter geht´s mit Heimatverbundenheit und dem Österreichpavillion. Gehört hat man viel von Wurm und Kowanz. Wurm - in Österreich allgegenwärtig - schafft es mit seinem Schmäh „des Mitmachmuseums“ die japanischen Kunstliebhaber zu überzeugen. Und tatsächlich: Es ist lustig wenn man seine Hand in ein Waschbecken oder seinen Kopf in ein Klo steckt (vom Ersteren gibt´s ein Foto). Und der aufgestellte LKW ist der Eyecatcher der Biennale. Konwanz’ Lichtinstallationen haben mich am Ende dann doch mehr begeistert. Weil sie subtiler und irgendwie … irgendwie … ach das Wort passt immer … irgendwie artsyger waren.

Nach weiteren Pavillons endlich das Highlight des Tages für meine Aufnahmefähigkeit: Sie sperren zu und entlassen mein - mit Kunstgerammel vollgestopftes - Hirn in den verdienten Feierabend, der mit viel Vino Rosso und seichten Gesprächen über Commissario Brunetti in irgendeiner Seitengasse langsam zu Ende geht. Ausgleich muss sein.

Alles wird sich wahrscheinlich nicht ganz ausgehen. Mein Geist gibt WO mein Körper sagt dazu OK.

Ein neuer Tag. Eine neue Chance meine Beziehung zur Kunst zu intensivieren. Ich geh ins Arsenale. Ein Arsenal an Kunst auf einer Fäche von knapp 20.000 m. Meine morgendliche Euphorie wird nicht enttäuscht. Bei der Hauptausstellung schlendere ich durch kreative Welten. Angefangen von Lee Mingwei, der mit seinem Mending Project zeigt, wo unsere Shirts gemacht werden, über den italienischen Beitrag von Roberto Cuoghi und seinem Projekt „Imitatio Christi“, wo er den gekreuzigten Jesus hundert Mal verwesen lässt (mein Theologen Herz beginnt zu schlagen, oder doch der viele Café?) bis zu meinem persönlichen Highlight vom Künstler Shimabuku und seinem Projekt „Sharpening a MacBook Air“, bei dem er aus einem Laptop eine Axt macht. How genius! Doch bereits zu Mittag merke ich: Alles wird sich wahrscheinlich nicht ganz ausgehen. Und so kommt es dann auch nach einiger Zeit. Mein Geist gibt WO mein Körper sagt dazu OK und so wird wie am Tag zuvor das gesamte Sideprogramm gestrichen (V.a. die Ausstellung von Damien Hirst „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ bleibt leider unentdeckt).

Enttäuschung? Keinesfalls. Für Kunstiebhaber, egal, ob man sich jetzt mehr der Kunst oder der Liebhaberei zugewandt fühlt, ist die Biennale Erleuchtung pur auch wenn nach langen eingängigen Studien einzelner Kunstobjekte manchmal die Frage offen bleibt: „Kunst mir das bitte erklären?“

Viva Arte Viva.

PS: „Nur“ für die Biennale nach Venedig zu fahren und alles Andere knallhart links liegen zu lassen, macht voll Sinn. Deluxe Variante: Natürlich kann man diese Art eines „Art-Weekends“ mehrmals im Laufe des Jahres wiederholen. Eines weiß ich: Eine Biennale lässt sich so oder so nicht „fertig“ schauen.