2016 Review

Meine 10 Lieblingsalben 2016

Meine 10 Lieblingsalben 2016

Ich weiß, das Format „Album“ hat ausgedient. Heute geht es um Singles, um Shuffle Modus und um gestreamte Playlisten. Und doch: Das Album ist wie eine Konstante, das sich im Popunsiversum hartnäckig hält.  Für den Künstler ist es nach wie vor DIE musikalische Visitenkarte das sein Schaffen abbildet.

Hier sei hinzugefügt, dass diese Liste meine Favoriten abbildet. Jene Alben, welche bei mir 2016 am Häufigsten am Plattenteller lagen, welche ich aber auch innovativ, kreativ und inspirierend fand. Wie immer: Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

1.    Bon Iver - 22, A Million

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Was für ein Album. Was für ein Künstler. Was für eine Musik. Als ich das Album das erste Mal hörte, dachte ich mir: „Ja so muss Musik anno 2016“.

Justin Vernons aus Eaux Claires kommt eigentlich vom Folk bzw. aus der Singer/Songwriter Ecke. In „22, A Million“ kommen aber noch Elektrobums, Saxofon Flächen und ganz, ganz viel Autotune dazu. Ja genau: Jener „Cher-Effekt“ den man mittlerweile in fast jedem R&B und Dance Song hört. Das total abgedrehte an dem Album ist: Die Mischung stört nicht. Im Gegenteil: Er verbindet was anscheinend nicht zusammen passt und schafft so neue Klangwelten denen man sich nur schwer entziehen kann. Große Melodien und gewagte Arrangements fügen sich hier zu einem neuem Ganzen. Eine Bereicherung. Läuft auf heavy Rotation bei mir.

2. David Bowie - Blackstar

Ich liebe David Bowie. Sein letztes Wien Konzert 2003, war eine Offenbarung für mich. David Bowie folgt keinen Trends, er macht sie, das wurde mir schnell klar.

Blackstar wurde zu Bowies Vermächtnis nachdem er zwei Tage nach der Veröffentlichung starb. Verstörende Arrangements, irritierende Instrumentierungen und symbolträchtige Lyrics machen dieses Album selbst zum einem Symbol. Musikalisch wird Bowie vom Saxofonisten Donny McCaslin und seiner Band getragen. Sein elegisches Spiel kombiniert mit verschachtelten Rhythmen, den Synthflächen von Langzeit Produzent Tony Visconti und Bowies fragilen Gesang ergeben im Gesamten eine Musik, die im Sinne des Wortes transzendent ist. Natürlich hört man das Album durch den Tod anders. Jede Note bekommt eine andere Botschaft, jeder Zeile wird anders interpretiert. Die Frage bleibt: „Hat Bowie auch diese Tatsache in sein Schaffen mit einkalkuliert?

3. James Blake - The Colour in Anything

James Blake ist ein Genie. Getragen von Pianoakkorden, Synthesizer Flächen, Subbässen und aufgeschichteten Gesang erschafft Blake mit seiner Musik Klangwelten, die einem jedes Mal auf Neue überraschen. Egal wie man seine Musik hört, ob man sie zerlegt, sie nebenbei beim Spazieren oder einfach mit geschlossenen Augen. Sie macht immer Sinn. Sie hat Bedeutung.

Electrosoul Künstler gibt es mittlerweile viele. Trotzdem: James Blake bleibt das Original. Mit seinen Songs schafft er die Verbindung zwischen klassischem Popsongwriting und frischen unverbrauchten Klangspektren. Genial!

4. Michael Kiwanuka - Love & Hate

Home Again das Debüt von Michael Kiwanuka war meine Scheibe 2012. Ich verliebte mich sofort in diese samtige weiche “schwarze“ Stimme. Und 2016? Ich schaue die Serie „Get down“ auf Netflix in der es um die Anfänge des Hip-Hop geht. Beim Abspann singt eine Stimme, so eindringlich und berührend. „I´m Black man in a White World“. MalcolmX tanzt im Grab. Da war sie wieder. Diese Stimme. Dieses unvergessliche Timbre.

Love & Hate ist Analog. Man hört 60s Drums, klassische Backgroundgirls, alles live. Raffiniertes Sounddesign gepaart mit ausgeklügelten Arrangements. Man könnte meinen Retro. Das Ganze klingt aber so authentisch und echt, das hier kein nostalgischer Trend verfolgt wird sondern der Musik dieser Zeit mit tollen Sound die Ehre erwiesen wird. You can´t take me down.

5. Radiohead - A Moon Shaped Pool

Begonnen hat alles mit Daydreaming und dem dazugehörigen Video. Das Vorspiel bei bei Radiohead wie immer. Lange nichts, dann Gerüchte, dann wieder nichts und plötzlich sind sie da. Irgendwie sind Radiohead immer da. Im CD Regal, im Kopf, in der Vergangenheit und vor allem in der Zukunft. Dabei ist das Material quasi Ausschussware der letzten Dekaden. What?

Wie immer man das interpretieren möchte, ob es Songs waren, die nicht ins Konzept passten - und von dem gibt es bei Radiohead immer viel - oder einfach Songs , die es klassisch nicht auf die Platte schafften. Egal. Radioheads sogenannte B-Sides haben Durchschlagskraft. Diese Dreiklangs Zerlegungen, Yorkes Klagegesang und die unglaublichen Klangbilder machen dieses Album zu einem weiteren Höhepunkt in ihrer Laufbahn.

Mann kennt dieses Rezept von den letzten beiden Alben. Doch halt! Erkennt man in den Songs auf „A Moon Shaped Pool“ eine klassische Songstruktur? Man könnte meinen so etwas ähnliches wie einen Refrain zu hören. Hier schließt sich der Kreis zu ihrem 97er Jahrhundertalbum „OK Computer“  mit dem die Dekonstruktion des klassischen Songs eigentlich schon begann.

Wenn Radiohead bei diesem Album ihre experimentelle musikalischen Ausflüge mit ihren alten Tugenden wie Bandsongwriting verbinden dann ist das eine auditive Quadratur des Kreises. Hörsam!

6. Leonhard Cohen - You want it Darker

Ähnlich wie David Bowie hat Leonard Cohen mit „You want it darker“ ein Album geschaffen, dass ein großes Fenster darstellt, durch das man mit den Augen des Künstlers über den Fluss des Lebens blicken kann. Choräle, das Mantra artige „Hineni, hineni“ und das gehauchte „I am ready my Lord“. Geht´s noch dunkler?

Wie tief kann man in eine Seele blicken? Es ist der Blick in diese unergründlichen Weiten von dem man auf Grund seiner Schönheit bei gleichzeitigem Erschaudern der Wahrheit nicht wegkommt. Das ist da Eine. Bei Leonard Cohens Song kommt aber noch ein Zweites hinzu. Dieser Blick ist ein Schatz den nur die Wenigsten mit jener Sensibilität und Ernsthaftigkeit zu heben vermögen. Cohen ist darin Meister. Sei es inhaltlich, indem er mit seinen Lyrics hochreligiöse Bilder entwirft oder formell mit seinem Minimalismus, der für sich schon wieder eine eigene Kunstform darstellt. Er ist wie Dylan. Begibt man sich als Liedermacher auf die Reise nach den Anfängen, man gelangt immer wieder zu ihm zurück.

7. Nick Cave & The Bad Seeds - Skeleton Tree

Ist es meine Todessehnsucht, mein Hang zur Melancholie oder war 2016 einfach ein Jahr indem große Künstler das Thema Tod mit einem Album therapeutisch verarbeitet haben. Schwer zu sagen.

Wie bei Bowie und Cohen geht es bei Cave bei aller Schwermut und Schwärze immer auch um Erlösung und Vergebung: Von der Vergangenheit, von der Schwere des Lebens, vom Schicksalsschlag - wie dem Tod von Caves Sohn. Dieses traurige Ereignis steht am Anfang und am Ende des Albums „Skeleton Tree“.

Nick Cave der Meister des Haderns läuft hier zur Höchstform auf. Er gibt seiner Wortlosigkeit mit diesen Liedern einen sprachlichen Rahmen, in der sie sich entfalten kann und Kontur bekommt. Der Unterschied zu früheren Alben ist das musikalisch wie textlich vieles offen bliebt. Klavierakkorde verhallen im Nirgendwo, Synthklänge tauchen auf, verschwinden wieder. Alles fließt, durch die Erkenntnis der Vergänglichkeit. Gedanken werden mit Sprachbilder angerissen, aber auch nicht mehr. Viel Raum wird dem Zuhörer gelassen, der mit seinen Gedanken alleine bleibt. Das ist die Stärke des Albums: Wenn die letzte Musik verhallt, beginnt im Kopf des Zuhörers der Epilog. Das Nachklingen, das Nachsinnieren. Top!

8. Anohni - Hopelessness

Anohni formerly known as Antony hat mit 40 beschlossen sein Leben als Frau weiter zu führen. Punkt.

Weil ich diese Künstlerin schon seit über 15 Jahren verfolge, war mir bewusst, welche Wucht das Album werden würde. Und das ist es. Musikalisch hat sie sich von seinem packenden und herzerwärmenden Kammermusikpop Sound verabschiedet. Stattdessen klirrt und zischt es wie in Kubricks 2001. Futuristisch, nach vorne gerichtet aber gleichzeitig auch mit Reminiszenzen Richtung Kraftwerk und 80er. Inhaltlich ist es das politischste Album des Jahres. Man könnte meinen, Songs über Klimaerwärmung ist 2016 genauso altbacken, wie Leo DiCaprios Klimaerwärmumgs Doku. Trotzdem: Beides ist unerlässlich in Zeiten wie diesen. Ein Wort reicht für diese Stimme: Gnade.

9. The Weeknd - Starboy

Als ich The Weeknd feat. Daft Punk las, traute ich meinen Augen nicht. Die Stimme von „Can´t feel my face“ einen DER Songs 2015 mit den Sounddüftlern aus Frankreich? Jackpot! Und die ersten Singles ließen großes Erahnen. Popmusik, bei der man Pop wieder groß schreibt. Beatlastig, R&B getränkt und mit einer Brise Autotune. So geht Popmusik anno 2016. Bruno, hast du das gehört? Leider kann das Album das Niveau der Singles nicht ganz halten. Innovative Arrangements? Check! Geile Soundideen? Check! Jahrhundertwurf? Nope.

10. Kate Tempest - Let Them Eat Chaos

Ein Hip-Hop Album macht die Liste komplett. Hip-Hop ja, aber was für einer? Man kennt diesen trockenen englischen Style von The Streets. Aber die Koordinatenpunkte Katie Tempest, das Jahr 2016 und diese Ereignisse stellen dieses Album noch einmal auf eine andere Stufe. Wer hat schon den Brexit Monate vorhergesagt? Katie war´s.

„When we gonna see that life is happening?“ fragt sie den Hörer. Leben oder Überleben das ist hier die Frage. Ein Album zwischen Untergangsstimmung bei gleichzeitigem Aufbäumen gegen diese. Gerade diese Ambivalenz macht dieses Album so zeitgeistig. Die Antwort kommt am Schluss „And I’m screaming at my loved ones to wake up and love more/I’m pleading with my loved ones to wake up and love more.“

Genau. Liebe. Liebe ist immer eine gute Antwort.